Dakar. 8. Januar 2009
Gegen Mittag brechen wir auf zum gare routière, dem Busbahnhof, im Viertel Millionaire in Dakar. Von dort geht der Bus nach Foundiougne im Sine Saloum, einem riesigen Flussdelta. Die Flüsse Sine und Saloum, die hier ins Meer münden, bilden ein großflächiges Überschwemmungsgebiet.

 Im Delta ist das Süßwasser der beiden Flüsse mit dem Salzwasser des Atlantiks vermischt; dies bedingt einen einzigartigen und vielseitigen Lebensraum, inmitten großartiger Mangrovenwälder.

Vor Reiseantritt wird im Bus schon heftig um einen Sitzplatz gestritten. Ein Franzose setzt sich auf den Platz, den eine junge, aber sehr wehrhafte und stimmgewaltige Sererfrau mit ihrer Tasche reserviert hatte und provoziert sie damit. Letztlich hat sich der Franzose einen Scherz erlaubt, den die Frau freilich nicht verstanden hat. Als er ihr dann die Fahrt bezahlt, ist Friede, und die Tüte mit Äpfeln, die er ihr schenkt, zeigt sie im ganzen Bus herum. Bei diesem Spektakel hatte ich nicht bemerkt, wie viele Koffer, Kartons, Sessel und Sofas, ja sogar Schafe auf dem Dach des Busses befestigt worden waren. Am lustigsten sehen die Schafe aus, denn sie werden in große Reissäcke gesteckt, sodass nur Hals und Kopf herausschauen. Mit dieser Verpackungsmethode wird erreicht, dass die Tier sich auf der Fahrt nicht verletzen, aber auch, dass ihre Ausscheidungen nicht auf den Bus und die Fahrgäste fallen.

 

Die Fahrt durch die senegalesische Savanne ist immer wieder ein Traum, vorbei an riesigen Baobabs (Affenbrotbäumen), von denen die Legende sagt, Gott sei eines Tages so wütend über die Menschen geworden, dass er einen Baum mitsamt den Wurzeln ausgerissen und ihn umgekehrt wieder in die Erde gesteckt hätte, mit den Wurzeln nach oben. Genauso sehe sie auch aus. Weiter geht’s durch Straßendörfer, in denen am Straßenrand Obst, Nüsse, Tee und Reiseproviant verkauft werden und winzige Knirpse mit ihren dünnen Beinen den Bussen hüpfend, lachend und gestikulierend entgegenjubeln.

Auf der letzten Etappe setzt der Bus über den Fluss, und es wird eine Stunde lang gezankt wegen eines Car Rapide (Buschtaxi), das bereits mit seinen Vorderrädern auf der Fähre steht und mit den Hinterrädern an Land: Der Fährmann hatte kleine Autos, die weniger lang gewartet hatten, bevorzugt und das Car Rapide hat nun, obwohl es früher da war,  keinen Platz mehr auf der Fähre. Wir warten und ich schaue einem Mann zu, der sein Pferd im Fluss wäscht, und betrachte die anderen Wartenden in der sich neigenden Sonne. Erst als mit dem Gendarm gedroht wird, gibt der Fahrer des Car Rapide nach und wird an Land geschoben.

In Foundiougne kommen wir gegen Abend an; hier werden wir von Ousmane Ba erwartet, der Kontakt war über einen Bekannten zustande gekommen. Er führt uns zunächst zu einer Herberge,  die uns nicht zusagt, dann zu einer anderen, wo wir bleiben. Er ist etwas sehr anhänglich und enttäuscht, als uns auch das Restaurant im Dorf, das er uns vermitteln möchte, nicht gefällt. Wir sind hungrig nach dieser langen Reise und auch müde.

Wir haben keine Lust, wie es in diesem Dorf üblich ist, zu warten, bis die Einkäufe für das Essen erledigt sind; denn dafür müssten wir erst Geld geben. Bei aller Langmut und bei allem Verständnis  für oft materiell schwierige Situationen, die man antrifft, diesmal nicht.
Ein 4-Sterne-Hotel ist am Fluß gelegen mit einer wundervollen Aussicht auf den Fluss und das andere Ufer und bemerkenswert: Das Zimmer ist blassblau gestrichen und so riesig, dass die beiden Betten darin verloren wirken.  Wir legen die Matratzen auf den Boden und zünden Räucherstäbchen gegen die Mücken an. Als ich nachts aufwache, muss ich herzlich lachen, weil ich mir so vorkomme, als würde ich am Boden eines Schwimmbeckens ohne Wasser schlafen.

 

 

 

 

9. Januar 2009
Am nächsten Tag spazieren wir durch den Ort, der zweifellos bessere Zeiten gesehen hat, damals, als die Stadt eine wichtige Station war zwischen Dakar und Kaolack auf dem Weg in den Süden. Heute führt eine ausgebaute Hauptstraße direkt nach Kaolack und man braucht nicht mehr über den Fluß zu setzen wie damals, als auch die Fremden durchs Land fuhren und sich ein, zwei Nächte aufhielten– heute bleiben viele in den Hotels an den Stränden und begnügen sich mit Tagesausflügen ins Landesinnere. Die Campements und verlassenen Hotels sind heute stumme Zeugen einer besseren Vergangenheit.
Und dann entdecken wir hier – in the middle of nowhere – eine kleine Hotelfachschule! Die jungen Leute dort sind nett und aufgeschlossen, mit ihren Kochmützen servieren sie uns gegrillten Fisch mit Frites und Salat und legen uns fachmännisch vor, so wie sie es gelernt haben.

Was wir natürlich sehr loben und zu schätzen wissen – in einer insgesamt skurrilen Situation, denn die jungen Leute können vermutlich nicht oft an Gästen aus Europa üben. Es ist ihnen nur zu wünschen, dass sie ihren Optimismus behalten und ihre Mühe von Erfolg gekrönt wird.

Ousmane Ba beobachtet uns und unser Tun aus angemessener Ferne mit seinem Scooter, so als wären wir auf gefährlichem Terrain unterwegs und er unser Bodygard. Um diesem Spiel ein Ende zu machen, geben wir ihm Geld und bedanken uns für seine Dienste. Da der Betrag wohl seine Erwartungen übersteigt, erweist er uns einen weiteren Dienst: Er reserviert für uns Plätze im Bus für die Weiterfahrt am nächste Morgen.

10. Januar 2009
Und das ist auch gut so, denn der Bus ist, obwohl er schon um 7.30 Uhr losfährt, völlig überfüllt. Die Händler fahren mit ihren Produkten zum Markt in die nächst größeren Städte und sind deshalb natürlich zeitig unterwegs.
Wir fahren ein Stück mit dem Bus, steigen dann um in ein Car Rapide und das letzte Stück mit einem sündteuren Taxi. Wir sind unterwegs nach Niassam in Palmarin und das Taxi ist so teuer, weil der Fahrer keine Chance auf Gäste für die Rückfahrt hat.  
Wir haben an diesem Abend noch die Gelegenheit, im nächsten Dorf einen Ringkampf zu besuchen. Ein Riesen-Tam-tam, der ganze Platz ist energetisch hoch aufgeladen, die Kämpfer bereiten sich vor. Die Delegationen (Familie und Fans) ziehen in rhythmischen Schritten vorbei, Zaubertränke werden auf den Boden gegossen. Es ist ein einmaliges Erlebnis für uns.

11. Januar 2009
Luxus pur – für senegalesische Verhältnisse: das Frühstück mit selbstgebackenem Brot und europäischem Kaffee in dieser völlig autarken Anlage! Noch immer habe ich die Bilder der über Hundert Pelikane vor meinen Augen, die sich heute im Morgengrauen auf dem Fluss niederließen und bin gespannt, was dieser Tag für Überraschungen für uns bereithält. Ich werde viel über die Anlage Niassam und einiges über die Kultur der Serer erfahren, denn El Hadji, der sich so gerne unterhält - später übersetzt er mir.  Wir spazieren zu den Kühen, die nachmittags aus dem Busch in Richtung der Hotelanlage kommen und unterhalten uns mit dem Hirten. Es ist unglaublich interessant wie er, ein Peulh aus dem Norden, mit den Tieren umgeht, so pfeift er eine Tonfolge und das kleine Kälbchen geht wie ferngesteuert in seinen Käfig, ein anderes Tier wird unruhig, er befühlt ihm sanft den Kopf und es wird anhaltend ruhig. Er sagt, er kann seine Kühe durch Zauberformeln schützen, sodass die Hyänen sie nachts nicht sehen und nicht angreifen können. Tatsächlich hatten wir in der Nacht Hyänen gehört, für den Hirten sind diese zum Teil Verkörperungen von Dämonen. Die Begegnung mit dem Hirten ist für mich ein  bewegendes Erlebnis, es erinnert mich an den Film „Q – Begegnungen auf der Milchstraße“, den ich vor Jahren gesehen hatte. Ich darf seine Kühe fotografieren, wenn ich ihm die Photos schicke. Als ich mehr über seine Arbeit erfahren möchte, erwidert er zurückhaltend ruhig und freundlich:  „So gut kennen wir uns noch nicht, mehr werde ich Dir erzählen, wenn wir uns das nächste Mal sehen“.

12. Januar 2009
Über den Kellner haben wir eine Rückfahrmöglichkeit organisiert, Niassam liegt sehr abgelegen, und es ist nicht leicht, wieder in belebtere Gegenden zu kommen. Am Vormittag nimmt uns der Hotelier zum Abfahrtspunkt des „7-places“ und über Mbour geht es zurück nach Dakar.