Dakar. 26. November 2012

Um sechs Uhr morgens herrscht noch völlige Dunkelheit, aber der Tag wird schnell kommen. Wir sind mit unserem Mitarbeiter an der Ausfallstraße Dakars verabredet, von wo wir in die Richtung unseres Ziels starten wollen.  Er erwartet uns bereits, und wir haben das Glück, auf ein Quart-Place zu treffen, dessen Fahrer aus der Region stammt, in der die Körbe hergestellt werden. Wir haben Wasser und etwas Obst dabei, unterwegs besorgen wir Kaffee und Tapalapa, das traditionelle senegalesische Brot, für unser gemeinsames Frühstück unterwegs im Auto.


Wir fahren nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, diesem kraftvollen orangeroten Feuerball, der sich majestätisch, lautlos und langsam immer höher über die Häuser der erwachenden Stadt erhebt, die wir bald hinter uns lassen und die Kulisse gegen eine weite grüne Landschaft austauschen. Es hat heuer viel geregnet, und das üppige Grün ist den ergiebigen Güssen der vergangenen Regenzeit zu verdanken. So erinnert mich die leicht hügelige Landschaft in ihrer großzügigen Weite an das Hinterland von Grosseto in der Toskana, und einen Augenblick lang fühle ich mich mit heimatlichen Gefühlen nach Europa versetzt.

Mango- und Mandarinenhaine wechseln sich ab, knorrige Baobabs weisen uns den Weg und machen mir wieder klar, dass ich jetzt hier in Afrika bin, meiner geliebten Wahlheimat. In der Gegend um Thiès wird die Landschaft eben und die Flora ändert sich. Die halbtrockenen Blätter der großen Rogniers, einer Palmenart, wedeln im leisen Wind und singen leicht klagend ihre spröde Melodie,  beiderseits der Straße sehen wir Plantagen junger Chinarindenbäume; von den Blättern dieses Baumes wird Chinin gegen Malaria gewonnen.

Am Straßenrand sehen wir auch schon so früh am Morgen Frauen mit ihren Ständen, die ihre Möbel feilbieten, Stühle, Couchtische und Bettgestelle aus Baumstämmen und Blättern der Rogniers und Körbe aus Elefantengras. Es kann also nicht mehr weit sein zu unserem Ziel! Kurz vor neun Uhr kommen wir an. Es ist Markttag heute in diesem langen Straßendorf, das wussten wir.

Zur Linken bieten Frauen getrockneten Fisch und Café Touba an -  und Körbe, Körbe, Körbe... Zu essen gibt es hier außer Wassermelonenstücken nichts.
Unsere beiden Ansprechpartnerinnen sind für diesen Termin eigens aus ihren entlegenen Gehöften gekommen, sie haben ihre Einkäufe schon erledigt und schon alle Neuigkeiten aus dem Dörfern der Gegend ausgetauscht, was mindestens ebenso wichtig ist. Jetzt haben sie also genug Zeit, um unsere gemeinsamen Projekte persönlich mit uns zu besprechen. Das ist für beide Seiten sehr informativ und enorm wichtig für das gegenseitige Verständnis.

Gegen halb elf sticht die Sonne bereits unbarmherzig herab; Mensch und Tier suchen Schutz vor der Hitze im Schatten der Bäume, und wenn man nur auf den freien Platz blickt, so könnte man meinen, das Dorf ist menschenleer. Der Platz gleicht einem Schwarz-Weiß-Foto: weiß und ohne Leben der Platz aus Staub und Sand – schwarz und beinahe unsichtbar die dunkelhäutigen Menschen in ihren sparsamen Bewegungen im Schatten der Bäume, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt.

 

 

 


Weit weniger Chancen auf ein Stückchen Schatten haben die Rinder, Schafe und Ziegen auf der rechten Seite der Straße; hier ist Viehmarkt und der Schatten ist den Schafzüchtern und Viehhändlern der Gegend vorbehalten, den Peul aus Mali und den Mauretaniern. Die Viehhändler ziehen mit ihren Herden von Markt zu Markt, sind oft monatelang unterwegs. Sie haben nichts als ihre Tiere, einen Stock, eine Wasserflasche, ein wenig Kleidung. Stolz treten sie auf und wirken auf mich immer ungeheuer faszinierend und unabhängig.

 

 


Am frühen Nachmittag ist unser Besuch hier beendet, die Vorbesprechungen für die kommende Verkaufssaison abgeschlossen, und wir finden Platz in einem mittelgroßen Bus. Auf dem Dach werden die Einkäufe verpackt, die Fahrt geht zurück nach Thiès. Hier können wir gegen vier Uhr nachmittags in einem Hotel-Restaurant endlich Mittagspause machen und die Ereignisse des Markttages nachwirken lassen. Auf dem anschließenden Weg zur Gare Routière, dem Busbahnhof, kredenzt uns der Wachmann eines Nebengebäudes des Hotels Tee (=Attaya) und beginnt sich ausführlich und nett mit uns zu unterhalten. Alle haben Zeit und für alles ist gesorgt, warum also europäische Eile?

An der Gare Routière wird noch gestritten um die Plätze in einem Sept-Place; doch nach unserem langen, intensiven und anstrengenden Tag sind wir Drei wie schicksalsergeben zwischen Müdigkeit und Gelassenheit. Wir nehmen dann halt den dritten Wagen, der vorfährt und uns mit einem blutjungen Fahrer sicher nach Dakar zurückbringt. Wieder fahren wir der Sonne entgegen, diesmal taucht sie im Westen den Abendhimmel in ein zartes Rosenrot, das durchwebt ist von lichtgrauen Wolkenmustern. Das Meer werde ich heute nicht mehr sehen, aber ich stelle es mir vor. Als uns das letzte Taxi dieser Reise zuhause absetzt, ist es grad mal sieben, aber schon stockfinstere Nacht. Ich setze mich in den Hof, blicke zurück auf einen erfüllten Tag und noch mal zum Himmel: Der klare, helle Mond schickt mit seinem silbrigen Licht endlich Kühle zur Erde.