München, 25. Februar 2006
Ich reise also in den Senegal! Eine Reise, die ich mir viele Jahre lang gewünscht hatte; Anlass ist der Besuch bei mein Patenkind Mariama.

Die Hinreise verläuft nach vielen Aufregungen gut, die Trennung von meinem Sohn Felix ist wie immer schwer; er steht noch lange hinter der Glasscheibe am Flughafen und sieht mir nachdenklich hinterher: Wird schon gut gehen, ein Jahr zuvor war die Mama mit dem Rucksack in die Sahara geflogen und auch gesund zurückgekommen! In den Koffer hatte er  mir noch sein Taschenmesser gesteckt: zur Sicherheit, man weiß ja nie – und auch als Talisman.

Die Maschine landet in der Dunkelheit am Flughafen Leopold Sedar Senghor in Dakar. Wie schön, wenn internationale Flughäfen nach Persönlichkeiten des Landes benannt werden, deren Berühmtheit die Zeit überdauert denke ich. Es herrscht ein Irrsinnsgewimmel, alle Gepäckstücke werden durchleuchtet, bevor man das Gebäude verlassen kann. Viele Gepäckträger möchten mir helfen, man sieht mir an, dass ich neu bin. Ich muss jetzt nur eine Sache richtig machen: Ich muss den Taxifahrer finden, der mich zur Herberge bringt.  Erleichtert bin ich, als ich vor dem Ausgang ein hochgehaltenes DIN-A4-Blatt mit meinem Namen entdecke.  Der Taxifahrer bringt mich zu seinem Auto, einem uralten Peugeot, in dessen Inneren es so riecht, als hätte schon mal jemand reingepinkelt. Leider springt das Auto nicht an, aber schnell sind ein paar Männer gefunden, die den Wagen anschieben, bis er sich anstottert. Wir fahren vorbei an bitterarmen Obstständen aus Holzlatten, Menschen gehen, hocken am Straßenrand, auch spätabends und nachts. Die am Meer gelegene Herberge ist einfach, aber in Ordnung.

Dakar, 26. Februar 2006
Heute habe ich Gelegenheit, die Köchin auf den Markt des Stadtviertels zu begleiten: Es ist eng, quirlig und sehr geruchsintensiv, manche Händlerin sitzt nur vor fünf Gelben Rüben oder Tomaten da, aber diese sind dann dafür auf einem Tuch schön dekoriert. Die Köchin kauft Salat, Tomaten, Zwiebeln und Fleisch für das Abendessen ein. Das Fleisch, auf dem unglaublich viele Fliegen sitzen, wird teilweise mit einer großen Säge zerteilt. Das Kleingeld fürs Gemüse wechselt fast lautlos die Hände. Es erstaunt mich, dass das Wechselgeld nicht nachkontrolliert wird.

Am Nachmittag gehe ich am Meer entlang zum überwachten Teil des Strands. Ein junger Mann winkt mir zu und bittet mich in seine durch Strohmatten begrenzte und mit Sonnenschirmen ausgestattete Parzelle.  Er „wohnt“ hier, eine kleine Strohhütte erlaubt eine minimale Diskretion, und ein Wasserkanister enthält Trinkwasser. Der Junge lässt sich für das Bewachen des Strandes von den Gästen bezahlen und er betrachtet die Parzelle als seinen Grund und Erwerbszweig: Das Meer gehört allen, sagt er. Er besorgt mir ein Kirène, das örtliche Mineralwasser, und lässt mir Attaya, den senegalesischen Tee bringen, den ein Wachmann eines nahen  Strandhauses  kocht.

Der Junge wirkt auf mich überaus freundlich.. Freunde kommen ihn besuchen, er erzählt mir, dass sie abends die Fische grillen, die das Meer anschwemmt. Dann haben sie zu essen.  - Mit diesem Satz, so fühle ich, bin ich erst so richtig im Senegal angekommen.
Beim Abschied sagt er, er hätte so gerne etwas Geld für Handcreme, um seine von Sonne und Salzwasser aufgesprungenen Hände einzuschmieren.  Das gebe ich gern.

Dakar, 27. Februar 2006
Dakar life! Gegen Mittag nehme ich mit zwei anderen Gästen der Herberge den Bus, wir fahren ins Zentrum, zum Place de l’Indépendence. Wir waren über eine Stunde dorthin unterwegs und schauen nun von einer Hotelterrasse vom 16. Stock auf die Stadt. Es ist gar nicht so einfach, sich durch die Massen der fliegenden Händler zu kämpfen, und als meine Begleiter mit einem T-Shirthändler diskutieren, spricht mich ein junger Mann an, Ali Baba, so nennt er sich wirklich!

Ich suche Stoffe, sage ich, und da er mir versichert, ein Stoffgeschäft zu kennen, lasse ich mich hinführen. Ich verbringe den ganzen Nachmittag mit ihm, er hilft mir beim Aussuchen und vorsichtig beim Handeln; beim Stoffhändler bekommt er eine Provision. Er stellt sich beim Zahlen jeweils hinter mich, damit niemand sieht, dass ich einen Geldgürtel habe. Nach ein paar Stunden habe ich Stoffe, einen Silberring und Hinterglasbildchen gekauft. Zum Abschluss zeigt er mir noch das Centre culturel francais. Es ist in einem kleinen Park mit einem riesigen Baobab, dem Affenbrotbaum, wunderschön gelegen und wir hören bei  Konzertproben zu. Ali Baba führt mich noch zur Bushaltestelle und freut sich über die 5.000 cfa (etwa 7,50 €), die ich ihm gebe. Die Rückfahrt dauert endlos lange, es wird dunkel und ich verliere die Orientierung. Also nehme ich das letzte Stück ein Taxi, einfach ist auch das nicht, der Fahrer war nicht in der Schule und versteht nicht mal das Wort „plage“.

Mit dem Bus fahre ich noch oft, manchmal denke ich: Was veranlasst mich, in einer stinkenden, dampfenden und staubigen Metropole „Urlaub“ zu machen und mich in überfüllte Busse zu setzen? – Es sind die Gesichter. Ich betrachte die Menschen so gerne, es sind die Physiognomien, an denen ich mich nicht satt sehen kann.

Dakar, 10. März 2006
Beeindruckende Tage mit ergreifenden Erlebnissen liegen hinter mir, die Reise in den Busch und der Besuch bei der kleinen Mariama werden mir immer in starker Erinnerung bleiben. Heute ist mein letzter Tag und es heißt Abschiednehmen. Ich mache noch einen Besuch bei Verwandten eines Münchner Bekannten und suche am Marché Kermel nach Ali Baba. In den vergangenen zwei Wochen habe ich gelernt, dass hier jeder jeden kennt und so muss ich nur einen Händler nach Ali Baba fragen. Er führt mich in ein Télécentre, wo Ali Baba seinen Attaya trinkt. Ich lasse mir von ihm noch den traumhaft schönen Malimarkt neben dem Bahnhof zeigen, gebe Ali Baba mitgebrachte, getragene  Kleidungsstücke von mir – für seine Schwestern -, über die er sich freut. Und möchte ihn einladen: „Ali Baba, was möchtest Du essen?“

Einen Hamburger möchte er gerne haben. Also gut, nur habe ich in der Innenstadt Dakar vieles gesehen, aber keinen MacDonalds. Ali kennt ein Hamburger-Restaurant und ist glücklich mit seinem Burger. Er ruft noch einen Freund an und als dieser kommt und sich zu uns setzt, schiebt Ali ihm die Hälfte seines Burgers unter der Tischplatte durch. Das ist Teilen auf senegalesisch! Beide bestehen darauf,  dass ich keinen zweiten Burger bestelle.

Ali Baba, so sein Künstlername, wie er mich aufklärt, erzählt mir seine Geschichte. „I have a long story“ sagt er. Er ist 30 Jahr alt und Kriegsflüchtling, geboren in Freetown, Sierra Leone, als Sohn eines senegalesischen Vaters und einer aus Sierra Leone stammenden Mutter. Nach Ausbruch des Krieges gelang es dem Vater, seine Familie außer Landes zu bringen und die Kinder im Senegal auf die Großfamilie zu verteilen. Ali war 14 und kam zu einem Onkel in Touba. Ali war englischsprachig aufgewachsen und hatte die englische Schule besucht, er konnte im Senegal die Schule nicht weiter besuchen, da im senegalesischen Schulsystem ausschließlich französisch gesprochen wurde. Damit war für ihn die Ausbildung beendet.
Sein Vater war nach der Evakuierung seiner Familie wieder nach Sierra Leone zurückgekehrt, um das Vermögen zu retten, seither hat er nicht wieder von ihm gehört, ob er noch lebt, weiß er nicht. Seine Mutter lebt in Gambia.

Ali wohnt mit seiner kleinen Tochter in einem Außenviertel von Dakar und verdient seinen Lebensunterhalt als Touristenführer und mit dem Verkauf von Souvenirs.

Er begleitet mich noch zur Herberge und später zum Flughafen. Dort verabschieden wir uns. „Bonne vie“, sagt er noch. Dann dreht er sich um und verschwindet in der Menge.